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Deutsche Wörter im Russischen

Deutsche Wörter im Russischen
01 Dezember 2022

Ich erinnere mich noch recht genau. Es war meine erste Russischstunde in Sankt Petersburg, und wir haben darüber gesprochen, was man in Russland zum Frühstück isst. Kasha, Blini, Syrniki… und plötzlich sagte ein Mitschüler “Butterbrot”. Ich dachte, ihm fehlte nur das notwendige Vokabular, bis die Lehrerin wiederholte “Да, бутерброд.” Ich muss wohl ein recht dummes Gesicht gemacht haben, denn die Lehrerin, die sehr gut Deutsch sprechen konnte, erklärte mir sogleich, dass es sich bei “Butterbrot” nicht um einen Zufall handelt, und dass so einige deutsche Wörter im Russischen gibt.

Interessant, dachte ich mir, denn Russisch ist eine slawische Sprache und wer sich schonmal gewagt hat, diese Sprache zu lernen wird mit mir sicher zustimmen, dass man sich fast in eine andere Welt begibt. Die Wörter sind häufig kompliziert, gerne auch mal etwas länger und klingen meist so gar nicht deutsch. Um so komischer, dass deutsche Wörter einem immer wieder beim Russischlernen unter die Nase kommen. Heute war ich zum Beispiel für einen neuen Haarschnitt beim “парикмахер” (Parikmacher ausgesprochen, von Perückenmacher abgeleitet). 

Einige Beispiele

Genauso wie wir heutzutage von “Coffee to-go” oder “Jeans” im täglichen Sprachgebrauch reden, so haben auch diese Wörter über die Zeit ihren Weg in die russische Sprache gefunden. Hier eine kleine Liste meine vier Favoriten:

маршрут
Das Russische Wort für Route leitet sich von dem deutschen Wort “Marschroute” ab.   

шланг
Als “Schlang” bezeichnet man im Russischen zwar keine Schlangen, aber dafür Schläuche.

цугцванг
Schachspieler dürfen sich freuen, denn nicht nur der “Zugzwang” wurde aus dem Deutschen übernommen, sondern auch viele andere Schachbegriffe.

Брандмауэр
Im Deutschen hat sich der englische Begriff “Firewall” durchgesetzt, dafür reden die Russen heute noch von der “Brandmauer”.

Und das ist längst nicht alles, hier ein Link zu einer ausführlicheren Liste. Besonders interessant finde ich die Wege, auf denen diese Wörter sich in den Sprachgebrauch der Russen geschlichen haben. Diese Geschichte will ich im Folgenden kurz zusammenfassen:

Deutsch-Russische Handelsbeziehungen:

Schon im Mittelalter gab es Handel zwischen Russland und dem Heiligen Römischen Reich, der über Polen oder das Baltikum abgewickelt wurde. Gerade die Hanse spielte hier eine große Rolle, die durch ihre Niederlassung in Nowgorod ihre Handelsbeziehung mit Russland ausbaute. So intensivierte sich ebenfalls der Kontakt zwischen dem Deutschen und dem Russischen.
Auch nach dem Mittelalter brach diese Verbindung nicht ab, im Gegenteil, russische Zaren förderten den Ausbau der Handelsbeziehungen und bemühten sich schließlich noch um den Import von Fachwissen aus dem Ausland, womit sie ebenso den Sprachaustausch ankurbelten.

Deutsche Wörter unter Peter dem Großen:

Mit Fachkräftemangel kennen wir uns heutzutage in Deutschland ja bestens aus. Selbiges Problem hatte Peter der Große, der von 1682 bis 1725 zuerst Zar von Russland und später erster Kaiser des Russischen Reichs war. Und groß war nicht nur sein Name, sondern auch sein Plan zur Modernisierung Russlands. Seine Reformen sollten unter anderem Militär, Industrie und Verwaltung betreffen, wofür er Experten mit dem nötigen Fachwissen aus dem Ausland anwarb. Und mit den Fachkräften, von denen zahlreiche aus dem deutschsprachigen Raum kamen, zogen ebenso neue Begriffe in Russland ein. “Фельдмаршал”, “кварц” und “бухгалтер” (Feldmarschall, Quarz und Buchhalter) sind drei Beispiele für deutsche Wörter im Russischen, die aus dieser Zeit stammen.

Nach Peter dem Großen:

Natürlich endet die Geschichte nicht mit dem Tod des Zaren Peter I. Sporadisch gibt es noch Wörter, die etwa durch das Studieren von Russen an deutschen Universitäten ins Russische übernommen wurden, der Einfluss der deutschen Sprache nimmt jedoch deutlich ab. Während des zweiten Weltkrieges schaffen noch einige kriegsbezogene und meist sehr spezielle Begriffe den Sprung ins Russische, doch durch die Isolation der Sowjetunion werden neue Germanismen zur Seltenheit.
Heutzutage sind es, wie zu erwarten, vor allem Anglizismen, die in den russischen Sprachgebrauch aufgenommen werden. Trotz alledem, die deutschen Wörter, die es schon geschafft haben, verbleiben als Zeitkapsel in der russischen Sprache, wie eine Reflexion der Geschichte. So lange, bis der Zahn der Zeit sie abnagt. Спасибо за чтение, danke für’s Lesen.

Geschrieben von Finn Botjes, lernt Russisch bei Liden & Denz in Riga

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