In grosser Zahl

06 April 2009

Die meisten Substantive besitzen eine Einzahl- und eine Mehrzahlform. Das Prinzip der Mehrzahlbildung ist relativ leicht und entspricht dem, was bereits aus den meisten europäischen Sprachen bekannt ist. Die romanischen Sprachen und Englisch hängen ein –s hinten ran, Russisch hat die Rolle des Mehrzahlbeschaffers an das i delegiert. Der Weg zur Schaffung der Mehrzahlform besteht in den allermeisten Fällen darin, dass ein –ы angehängt wird beziehungsweise, für die weibliche Form, dass das letzte –a des Wortes durch ein –ы ersetzt wird. Ein Beispiel: Aus стол wird столы und aus дама дамы. Bisweilen wird die Mehrzahlform statt unter Zuhilfnahme des harten ы mit der weichen Variante, dem и, gebildet. Dies wird in einigen wenigen, eng umgrenzten Fällen so gemacht. Diesen Fällen ist gemeinsam, dass es dabei auf den dem Endungs-и vorangehenden Buchstaben ankommt: Nach г, к, х, ь und den Zischlauten ж, ш, ч und щ wird nie ein ы geschrieben, da dies auf Russisch schwierig, geradezu hässlich auszusprechen wäre. Einige Beispiele aus dieser Reihe sind: Die геологи, товарищи, этажи und секретарши. Auch das Weichheitszeichen ь ist in der Reihe der Ausnahmebuchstaben enthalten, sodass die Mehrzahl von словарь, Wörterbuch, словари lautet. Bei den sächlichen Substantiven ist die Situation ähnlich gelagert, auch hier wird die Mehrzahlform mit einem bestimmten Buchstaben am Wortende gebildet. Die sächlichen Substantive enden regelmässig auf –o, dieses wird durch ein a ersetzt. So wird zum Beispiel aus право (das Recht) права, aus окно (Fenster) окна und дело, die Sache, wird zu дела. Falls das sächliche Substantiv auf –e endet, wird statt eines a ein я angehängt. Здание, das Gebäude, wird so zu здания und море lässt sich zu моря umformen. Es gibt einige wenige Wörter, die sich den aufgeführten Regeln nicht unterziehen. Dies sind die Fremdwörter wie кино oder пальто (Mantel, vom französischen ’’paletot’’). Diese sind absolut unveränderlich, passen ihre Form nicht der Grammatik an, ’’ кина’’ gibts nicht und wer im Einkaufstempel die Verkäuferin fragt, wo es ’’пальтa’’ zu kaufen gibt, erntet nur Unverständnis. Daneben kennt die Sprache auch Wörter, für die es aus begriffslogischen Gründen keine Mehrzahl geben kann, wie рис, октябрь oder auch небо- es kann nun mal nicht mehr als einen Himmel geben und Reis als Masse steht immer in der Einzahl, es gibt höchstens mehrere Reiskörner. Und was ist mit all den паспорта, директора, торта und трактора? Diese Substantive sind alle männlich, richtig müsste ein ы und nicht ein a angefügt werden: Паспорты und директоры statt паспорта und директора, торты anstelle von торта. Es ist dies eine relativ neue Entwicklung in der jüngeren russischen Sprache, die Mehrzahlendung auf –a auch in den Fällen zu gebrauchen, wo sie eigentlich gar nichts zu suchen hat. Den traditionellen grammatikalischen Regeln nach ist das nicht korrekt, man hört es aber immer öfter. Vor allem in der gesprochenen Sprache ist diese Mode weit verbreitet. Auch Moskauer mit ihrer Vorliebe für helle, klingende A’s haben eine Schwäche dafür. Die Sprache wandelt sich, die Sprache lebt!

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